Macht euch frei!

May 10, 2013

beggar

Endlich der eigene Chef! BY-NC: Neil Hester

Zwei Tage vor der re:publica fragte mich ein Bettler an der U-Bahn nach Arbeit. Auf der Veranstaltung selbst habe ich ihn gar nicht wiedergesehen aber man übersieht ja leicht mal jemanden bei 5000 Teilnehmern. An Arbeitswillen jedenfalls mangelte es nicht – die Konferenz, die ich für ein Projekttutorium auf der Suche nach Internetkultur besuchte, ist quasi eine Verkaufsmesse für kleine geile Einzelkämpfer.

Mein persönliches Highlight war Wolf Lotter von der brand eins, der endlich richtigen Kapitalismus machen will. Seine viertelstündige neoliberale Kampfrede passt gut ins Gesamtbild der re:publica: Als Gegner macht Lotter Politiker, Beamte und Manager aus, die für den bösen, nämlich den Mitläuferkapitalismus, verantwortlich sind. Die Zivilgesellschaft soll sich frei machen von Denen Da Oben, stattdessen sollen alle ihre eigenen Chefs werden.

Lotter war auch gar nicht der einzige mit einer solchen Forderung nach Chefs, die man dann auch noch selbst sein soll. Unter den Sponsoren mit Messeständen fand sich passenderweise 99 designs, eine Jobbörse für Designer, bei der alle Bewerber erstmal ihre Arbeit beim Auftraggeber abliefern und einer am Ende sogar mit Bezahlung belohnt wird.

Andere zeitgenössische Arten an Geld zu kommen, sind umfassende Jobsuch-Kampagnen für einen selbst oder halt Crowdfunding, in dem das Einkaufengehen mit dem guten Aussehen dystopisch wahr geworden ist, wie Diedrich Diedrichsen bemerkte. Endlich der eigene PR-Agent!

Die passende Satire hatte die re:publica auch gleich im Programm: Friedrich von Borries begegnet der Unmöglichkeit des Wohnens, indem er die oberen Zehntausend auf goldene Sessel hocken will, um die Revolution zu finanzieren. Oder so ähnlich. Genau verstanden hab ich das auch nicht.

Comments (2) | More: blog

2 Responses to “Macht euch frei!”

  1. erlehmann says:

    Schöne Grüße von Captain Obvious, heute aus dem Hause der LA Times, die zu dem folgenden überraschenden Schluss kommt: Peak Hipster:

    Instead of getting politically active or professionally ambitious, hipsters were sitting around sniping at everything and not really contributing anything. In the best-case scenario, they were consumerists no better than the older generation they were mocking.

    No shit, Sherlock!

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