Auf dem Scherbenhaufen

January 15, 2013

Kreative Zweitverwertung

Mein Kleiderschrank ist ein alter Vogelkäfig. Darin wohnen meine zahmen Höschen. Es ist manchmal ein bisschen unpraktisch, die Kleidung durch das enge Vogeltürchen herausfischen zu müssen aber der Käfig erfüllt seine Hauptaufgabe Stauraum zu bieten, sieht nett aus und war außerdem umsonst weil er als Müll auf der Straße rumlag.

Das ist das beste an Müll: Er ist überall und umsonst. Und so bietet es sich an, Zweitnutzen für nicht mehr benötigtes zu finden. Pinnwände aus Flaschenkorken, Aufbewahrungsbehälter aus leeren Konservendosen. Und aus alten Autoreifen werden Schaukeln auf Spielplätzen. Auch Datenmüll wie unerwünschte Emails wird genutzt: Nicolas Mahler veröffentlichte Illustrationen von Werbemails und nutz so deren bereits vorhandene unfreiwillige Komik, Henning Wagenbreth tat ähnliches mit Betrugsmails.

Vilém Flusser beschreibt diese Art der Müll-Nutzung am Beispiel von Flaschen: „Was nun jene leere Flaschen betrifft, welche aufgehoben wurden, um für Zwecke verwendet zu werden, welche von ihrem Erzeugern nicht beabsichtigt waren, zum Beispiel als Kerzenständer, Blumentöpfe oder Aschenbecher, so sind solche Flaschen Zeugen einer menschlichen Fähigkeit, welche verdient, geradezu die menschliche genannt zu werden. Der Fähigkeit nämlich, von den Dingen Abstand zu nehmen und sie von vorher nicht eingenommenen Standpunkten aus zu sehen.“ Mit phänomenologischer Anstrengung könnten wir von dem unsichtbaren Imperativ, wie Dinge gehandhabt werden sollen, absehen. Müll ist, was wir draus machen.

Abfall zu Pflugscharen

Seit einigen Jahren wird vermehrt der Begriff Upcycling für eine eine Reihe von Design- und Kunsthandwerksprodukten verwendet, die ebenfalls unter Überwindung des unsichtbaren Imperativs aus Müll produziert werden, beispielsweise Handtaschen aus alten Milchtüten oder Spielzeug aus Plastiklöffeln.

Oft findet man einen gewissen Nachhaltigkeitsanspruch im Upcycling-Trend, eine Art Abfall zu Pflugscharen. So schon in der frühesten nachweisbaren Erwähnung des Begriffs Upcycling in einer Ausgabe der Zeitschrift Salvo. Darin kritisiert der abfallnutzende Inneneinrichter Reiner Pilz Recycling-Gesetzgebungen als Downcycling: “They smash bricks, they smash everything. What we need is upcycling where old products are given more value not less.” Das Upcycling Blog ergänzt: „Damit steht Upcycling für Müllvermeidung, da Abfallmaterialien für die Schaffung neuer Produkte verwendet werden.“ Dies wirft Frage auf, was der Müll ist, der dort vermieden werden soll. Müll ist, woraus man Taschen näht.

Vermeintliche Vermeidung

Auf ihrer anderen Website werten die Autoren des Upcycling Blogs eine Umfrage vom September 2012 aus, der zufolge 62,6% die Einzigartigkeit von Upcycling Produkten (Unikate, Kleinst-Serien) als wesentliches Kriterium für ihre Kaufentscheidungen sehen. Eine Veränderung der Massenproduktion ist hier also nicht vorgesehen. Flusser schreibt, angesichts der „sich aufhäufenden Flaschenscherben“ sei dieser Standpunkt „heute nur noch schwer zu vertreten.” Flaschen umzuformen hieße „die Scherben vergessen zu wollen, die aber nicht mehr erlauben vergessen zu werden.”

78,4% der Befragten sehen Upcycling als Trend und 66% als profitables Business. Da die Rohdaten der Studie nicht vorliegen, muss ihre Aussagekraft bezweifelt werden. Einem Anspruch von Nachhaltigkeit würden derartige Aussagen aber widersprechen. Die geplante Obsoleszenz der Trendprodukte ist, dass sie als kurzlebige Statussymbole sehr schnell ihren zukünftigen Status als Müll einnehmen.

Interessant ist auf dieser Seite übrigens auch ein der brand eins entnommenes Zitat Margaretha Runksmeiers, in Russland oder China könne inhaltsleerer Markenfetisch funktionieren, aber doch nicht bei uns aufgeklärtem Publikum. Müll ist, was der Russe und der Chinese machen?

Kreative Zweckentfremdung

Die von Flusser ausgemachte menschliche Fähigkeit, die Gebrauchswerte von Objekten umzudeuten, erfordert jedoch keinen Müll sondern nur einen kreativen Umgang mit der Umwelt. Kreative Zweckentfremdung muss nicht bei kreativer Zweitverwertung halt machen. Ein Feuerzeug hat den vorgesehenen Zweck Feuer zu machen, dient aber auch, oder einigen Menschen sogar primär, als Flaschenöffner. Schon etwas unüblicher ist die Verwendung des selben Gegenstandes als Schweißgerät für löchrig gewordene Plastiktüten.

Dass für augenscheinlichen Müll Menschen sogar Geld bezahlen, ist beispielsweise in der Vorweihnachtszeit evident. Und was allgemein als Müll angesehenes kann für manche eine Ressource sein. Wenn ich auf der Straße einem Sperrmüllhaufen begegne, begrüße ich ihn freudig mit dem Schlachtruf „Free stuff!“

Ein Fehler wäre nur, dies gleich als Lösungsansatz für das Müllproblem von Industrienationen zu glorifizieren. Müll ist das, was übrig bleibt.

Comments (1) | More: blog

One Response to “Auf dem Scherbenhaufen”

  1. erlehmann says:

    Beim Link zu der Zeitschrift Salvo wird Upcycling erwähnt auf Seite 14 unten links.

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